Reload Festival 2026

Das Reload Festival 2026 in Sulingen hat sich mal wieder von seiner prägenden Seite gezeigt, laut, herzlich und dieses Jahr vor allem staubtrocken. Wer vom 13. bis 15. August die Tage auf dem Acker an der Alten Ziegelei verbracht hat, brauchte Stehvermögen, Sonnencreme und am besten ein Tuch vor dem Mund, denn das Wetter verlangte Mensch und Material so einiges ab. Besonders der Freitag brannte sich in die Erinnerung ein. Es war unfassbar heiß, die Sonne stand unbarmherzig über den Bühnen und dem Campground. Die Veranstalter ließen zwar mehr Schattenplätze und Trinkstellen einrichten, aber die Festivaltage waren schlichtweg schweißtreibend. In Kombination mit der wochenlangen Trockenheit verwandelte sich das Areal in eine einzige große Staubwüste. Der Staub schlich sich überall hin, in die Pavillons, in die Zelte, auf die Haut und tief in die Lungen.
Der Grund für das gewaltige Staubaufkommen lag wörtlich tief im Boden. Sulingen ist geprägt von Sand und lehmigem Sand. Auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen, die rund um das Festival als Campgrounds dienen, sollte vor dem Event eigentlich eine Zwischenfrucht wachsen, um den Boden zu binden. Wegen der anhaltenden Dürre ging dieser Plan jedoch nicht auf, die Saat ging kaum auf, und nach dem Abernten lag der nackte Sandboden weitgehend frei. Doch die typische Bodenart in Sulingen hat bei all dem Staub auch klare Vorteile, die sich im Laufe der Tage bezahlt machten. Sandiger Lehmboden ist extrem trittfest, verfestigt sich unter Belastung gut und bildet selbst bei tausenden Füßen und schweren Fahrzeugen keine tiefen Spuren. Wenn mal etwas Wasser floss, sickerte es sofort weg, ohne den Platz in zähflüssigen Schlamm zu verwandeln. Zudem bot der Untergrund perfekten Halt für Heringe und Pavillons, keine Selbstverständlichkeit bei trockener Witterung. Gegen die extreme Staubentwicklung auf den Hauptwegen steuerte die Crew kontinuierlich dagegen. Den ganzen Tag über rollten Trecker mit riesigen Wasserfässern über die Trassen, um die Wege feucht zu halten und die Wolken zumindest zeitweise zu binden. Ein pausenloser Einsatz, der den Staub zwar nicht komplett besiegen konnte, aber die Situation spürbar erträglicher machte.
Dass das Festival trotz der Dürre so gut funktionierte, lag längst nicht nur an der Witterung oder den Bands. Die Macher schafften es erneut, rund um das dröhnende Infield eine Kulisse aufzubauen, bei der Gemeinschaft, Engagement und ein erstaunlich durchdachter Service Hand in Hand gingen. Wer in Sulingen sein Zelt aufschlug, merkte schnell, dass hinter dem rauen Metal-Mantel ein verdammt großes Herz für soziale Verantwortung schlägt. Ein zentraler Baustein war der regionale und gemeinnützige Gedanke. Über die überall auf dem Gelände verteilten Pfandsammelstellen spendeten die Besucher tonnenweise Leergut, dessen Erlöse direkt in lokale Projekte, Kinderhilfswerke und regionale Vereine flossen. Mindestens genauso wichtig war die traditionelle Aktion „Löwenfraß“ am Abreisetag. In Zusammenarbeit mit dem örtlichen Lions Club sammelten Helfer haltbare, ungeöffnete Lebensmittel ein, die von den Campern zurückgelassen wurden, um damit die Sulinger Tafel zu unterstützen und Lebensmittelverschwendung gezielt einzudämmen. Auch beim Thema Awareness setzte man Maßstäbe, mit geschulten Teams und einem betreuten Safer-Space-Container gab es jederzeit eine geschützte Anlaufstelle für Gäste, die Hilfe suchten oder einfach eine Auszeit vom Trubel brauchten, während Barrierefreiheit auf dem Campingplatz und vor den Bühnen seit Jahren selbstverständlich gelebt wird.
Organisatorisch gab es in diesem Jahr eine besonders spannende Neuerung im Anreiseverkehr. Die Veranstalter stellten das System komplett um und passten sowohl die Anreiserouten als auch die feste Zuweisung zu den einzelnen Campflächen neu an. Der Anreiseverkehr wurde mittels Drohnen der hiesigen Feuerwehr überwacht und gelenkt. Das neue Konzept reduzierte den gefürchteten Anreisestau auf den Zufahrtsstraßen spürbar.
Abseits des Verkehrs und der Logistik sorgte das Rahmenprogramm dafür, dass auf dem Gelände keine Minute Leerlauf entstand. Das Festival startete für viele schon am Mittwoch mit der berüchtigten Warm-up-Party auf dem Vorplatz, und wenn die Headliner nachts die Scheinwerfer ausschalteten, ging die Feier im Zelt bei DJ-Sets und Metal-Disko nahtlos bis in die Morgenstunden weiter. Tagsüber lud die weitläufige Plaza mit ihren Tattoo- und Piercing-Ständen, Händlermeilen und einer erstaunlich vielseitigen Gastro-Auswahl zum Verschnaufen ein. Dass man dabei dank fest installierter, spülbarer Sanitäranlagen, Schließfächern mit Ladestationen und vorgebuchten Camping-Services nicht auf den nötigen Grundkomfort verzichten musste, rundete das Gesamterlebnis perfekt ab.
Musikalisch bot das Line-up 2026 die gewohnte Vollbedienung quer durch alle Härtegrade. Als absolute Schwergewichte führten Judas Priest, In Flames, Lamb of God und Godsmack das Programm an und bewiesen eindrucksvoll, warum sie zu den Giganten der Szene gehören. Dicht gefolgt von Brechern wie Airbourne, The Ghost Inside, Soulfly, Agnostic Front, Black Label Society, Amorphis und Terror, die den Acker ordentlich durchschüttelten. Wer es moderner oder abwechslungsreicher mochte, kam bei Bands wie Avatar, Orbit Culture, Imminence, Paleface Swiss, Stick To Your Guns, Deafheaven oder ZSK voll auf seine Kosten.
Zu den absoluten Höhepunkten des Wochenendes gehörten zweifellos Arch Enemy. Die schwedische Melodic-Death-Metal-Walze reiste als einer der drei großen Haupt-Headliner nach Sulingen und fackelte die Bühne am Festival-Donnerstag komplett ab. Nach ihren gefeierten Shows in den Jahren 2016 und 2022 war es bereits der dritte Besuch der Band im niedersächsischen Sulingen. Für die Fans bot der Auftritt eine echte Premiere, erstmals stand die Truppe auf der Reload-Bühne mit ihrer frisch eingestiegenen Frontfrau Lauren Hart an der Spitze und lieferte neben zeitlosen Band-Klassikern auch das krachende Material des 2025er-Albums Blood Dynasty ab. Wenn man an modernen Melodic Death Metal denkt, führt an einem Namen seit drei Jahrzehnten kein Weg vorbei: Arch Enemy. 1995 im schwedischen Halmstad von Gitarren-Virtuose Michael Amott ins Leben gerufen, hat sich die Formation von einem rauen Studioprojekt zu einer der gigantischsten Live-Mächte der weltweiten Metal-Szene entwickelt. Was damals mit Johan Liiva am Gesang begann, wuchs mit bittersüßen Gitarrenduellen und rasenden Riffsalven schnell zu einer echten Institution heran. Der endgültige weltweite Durchbruch folgte zur Jahrtausendwende mit Angela Gossow am Mikrofon. Klassiker wie Wages of Sin brannten sich unauslöschlich in das Gedächtnis der Szene ein, ehe Alissa White-Gluz ab 2014 das Erbe übernahm und die Band über ein Jahrzehnt lang durch ausverkaufte Hallen und über die größten Festivalbühnen des Planeten führte. Mit dem 2025 erschienenen Album Blood Dynasty verabschiedete sich White-Gluz schließlich und schlug gemeinsam mit dem neuen Gitarristen Joey Concepcion das vorerst letzte Kapitel dieser Ära auf. Seit Anfang 2026 steht nun Lauren Hart (ex-Once Human) an der Front und beweist zusammen mit den Urgesteinen Michael Amott, Sharlee D’Angelo und Daniel Erlandsson, dass die Energie dieser Band nach wie vor unerschöpflich ist.
Für die wohl schrägste und ausgelassenste Feier des Wochenendes sorgten die Excrementory Grindfuckers. 2001 in Hannover gegründet, hat sich die Truppe mit mittlerweile neun Studioalben, von Guts, Gore & Grind bis zum aktuellen Jubiläumswerk Jetz is auch egal, sowie mehreren offiziellen Chartplatzierungen zu einer festen Größe in der deutschen Metalszene entwickelt. Bekannt für ihren kompromisslosen DIY-Ansatz und ihren extremen Stilmix aus brutalem Grindcore und eingängigen Schlager- sowie Pop-Parodien, gehört das Quintett rund um Sänger Rob seit Jahren zu den gefragtesten Party-Acts auf den großen Metal-Open-Airs des Landes. In Sulingen verwandelte die Band das Infield im Handumdrehen in einen brodelnden Moshpit, rasant wechselten sich ultraschnelle Blastbeats und gutturaler Gesang mit skurrilen Mitmach-Hymnen ab. Neben ihren Klassikern von Alben wie Fertigmachen, Szeneputzen! lieferten sie eine gewohnt anarchische Show ab und bewiesen eindrucksvoll, dass extremer Metal und augenzwinkernder Humor auf der Festivalbühne die perfekte Mischung sind. Auch Sludge- und Grind-Kult-Acts wie Gutalax fügten sich nahtlos in diese feierwütige Dynamik ein.
Wer Bock auf feucht-fröhlichen Abriss hatte, kam an Alestorm einfach nicht vorbei. Die Schotten um Sänger Christopher Bowes haben seit ihrer Gründung 2004 das Genre des „Pirate Metal“ praktisch im Alleingang erfunden, eine verdammt eingängige Mischung aus agilem Power Metal, Schunkel-Folk und echten Vollgas-Hymnen. Statt tiefschürfender Lyrik gibt es bei den Jungs kistenweise Rum, gelbe Riesenenten im Moshpit und Songs übers Saufen. Dass dies fantastisch funktioniert, beweisen mittlerweile acht Studioalben, angefangen beim Debüt Captain Morgan’s Revenge über den Durchbruch Sunset on the Golden Age bis zur Scheibe The Thunderfist Chronicles von 2025. Damit ging es für die Truppe verlässlich in die oberen Chartränge und direkt auf die Hauptbühnen der größten Open-Airs. Auf dem Reload Festival 2026 hat die Truppe Sulingen wie erwartet im Handumdrehen zerlegt. Die Freibeuter hatten die Meute ab der ersten Sekunde im Griff und brachten den Acker mit Gassenhauern wie Drink, Keelhauled und dem gewohnt deftigen Fucked with an Anchor spürbar zum Beben. Ein durchgezogener Abriss, der einmal mehr gezeigt hat, wie viel Spaß Metal machen kann, wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt.
Stilistisch könnte der Kontrast zum restlichen Line-up kaum extremer sein, wo sonst verzerrte Gitarren, dröhnende Bässe und brachiale Blastbeats das Feld beherrschen, rollten auf dem Reload Festival 2026 völlig überraschend die Vengaboys an. 1997 vom niederländischen Produzentenduo Danski und Delmundo gegründet, stieg die Eurodance-Truppe Ende der 90er mit zwei Studioalben (The Party Album! und The Platinum Album) und Welt-Hits wie Boom, Boom, Boom, Boom!! oder We’re Going to Ibiza! zur internationalen Party-Sensation auf. Die Band steht schlicht für unverfälschte 90er-Nostalgie, bunte Kostüme und schamlos eingängige Dance-Beats. In Sulingen lieferten die Niederländer den wohl kuriosesten Abriss des Wochenendes ab. Was auf dem Papier wie ein Stilbruch wirkte, entwickelte sich vor der Bühne zu einem einzigen feiernden Moshpit. Ich würde ja gerne schreiben, dass tausende Metalheads kurzerhand Crowdsurfing gegen Party-Tanz tauschten, aber ehrlich gesagt ging beides zusammen auch sehr gut. Die Crowd am Samstagmorgen bewies beim Mitsingen absolute Textsicherheit und dass gepflegter Eurodance und harte Rockfans wunderbar zusammenpassen.
Wer am frühen Samstagnachmittag vor der Bühne stand, bekam von der saarländischen Truppe From Fall to Spring eine Nachhilfestunde in Sachen moderner Nu-Metal geliefert. Die Sechs-Mann-Kombo um die Zwillingsbrüder Philip und Lukas Wilhelm hat sich in den letzten Jahren schrittweise von einer lokalen Hoffnung zu einer festen Größe in der deutschen Post-Hardcore- und Nu-Metal-Szene hochgearbeitet. Spätestens seit ihrem Anlauf beim deutschen ESC-Vorentscheid, wo sie mit ihrem Song „Control“ und einer gewaltigen Wucht im Sound das TV-Publikum überraschten, ist der Name weit über Genregrenzen hinaus bekannt. Dass ein so harter Act überhaupt im öffentlich-rechtlichen Vorentscheid-Umfeld stattfand, hatte damals Seltenheitswert und hat der Band eine enorm treue Gefolgschaft eingebracht. Auf dem Reload war von polierter Fernsehoptik allerdings nichts mehr zu spüren. Die Jungs brachten eine Energie auf die Planken, die perfekt zur unbarmherzigen Hitze auf dem Platz passte. Mit ihrem Mix aus harten Riffs, Hip-Hop-Einflüssen, elektronischen Elementen und dem charakteristischen Wechselgesang der beiden Brüder hatten sie die Menge von der ersten Minute an im Griff. Der Sound drückte trocken nach vorne, während auf dem ausgetrockneten Infield schnell die ersten ausgedehnten Moshpits aufgingen. Am Ende stand ein Auftritt, der bewies, wie viel spielerische Härte und Bühnenpräsenz in dieser Truppe steckt, abseits von Kameras und TV-Studios auf genau dem Boden, auf den dieser Sound gehört.Neben dem Staub und der Musik gab es in diesem Jahr zwei Neuerungen, die ein gewaltiges Plus an Sicherheit und Komfort bedeuteten, die offizielle Festival-App und die Einbindung der SafeNow App. Wer auf einem Festival wie dem Reload unterwegs ist, kennt das Dilemma. Wenn der Ernstfall eintritt, sei es ein Unwetter, eine Evakuierung oder medizinische Hilfe, zählt jede Minute. Genau hier setzt die neue Festival-App an. Durch die Offline-Funktion stehen wichtige Daten auch dann bereit, wenn das Handynetz den Geist aufgibt, während Push-Benachrichtigungen eine direkte Pipeline vom Veranstalter zu den Besuchern legen. Ob Sicherheitswarnungen, kurzfristige Änderungen im Ablauf oder schnelle Hilfe im Notfall, über das Smartphone erreicht die Orga das Publikum ohne Umwege. Bisher verpufften solche Ansagen oft über Megafone oder Lautsprecher, die auf den abgelegeneren Campgrounds gar nicht erst ankommen. Für das kommende Jahr bleibt zu hoffen, dass noch mehr Festivalgäste die Anwendung im Vorfeld installieren, um die gesamte Community im Notfall schnellstmöglich zu koordinieren. Ergänzt wurde das System durch die SafeNow App, die das Gelände als geschützte „SafeNow Zone“ abdeckt. Wer sich in einer brenzligen Situation unwohl fühlt, bedrängt wird oder sieht, dass jemand Hilfe benötigt, muss lediglich einen Button in der App drücken. Dadurch wird sofort ein stiller Alarm mit metergenauer Standortübermittlung direkt an das Security- und Awareness-Team vor Ort ausgelöst, sodass die Einsatzkräfte gezielt anrücken können, ohne dass lange telefoniert werden muss.
Dass die Hitze in Sulingen wirklich jedem alles abverlangte, musste dieses Jahr sogar das Festival-Maskottchen am eigenen Leib erfahren. Auf dem Infield wachen traditionell zwei gigantische, aufblasbare Leonidas-Löwen von den Dächern der Verkaufsstände über die feiernde Menge. Doch während das Publikum tapfer der knallenden Sonne trotzte, gab das stählerne Löwenherz der Gitarren-Variante mitten in der drückenden Mittagshitze kurzzeitig nach und der imposante Löwe neigte sich erschöpft zur Seite. Es brauchte erst eine gezielte Rettungsaktion der Crew, die dem lahmgelegten Maskottchen wieder aufhalf 😊. Ein amüsanter Anblick auf dem Gelände, der perfekt bewies, wenn in Sulingen die Sonne brennt, gehen selbst die Giganten kurz in die Knie.
Am Ende bleibt ein Festivalbericht der staubigen und extremen Sorte, aber genau solche Bedingungen und dieser einzigartige Zusammenhalt schweißen die Reload-Community eben Jahr für Jahr zusammen.
Unterm Strich war das Reload 2026 wieder ein absolut großartiges Festivalwochenende, das trotz Hitze und Staub rundum begeistert hat. Wer nach diesem Abreisetag direkt wieder Sehnsucht nach dem Acker an der Alten Ziegelei hat, muss nicht lange warten, der Vorverkauf für das kommende Jahr ist seit dem Abend des 16. August 2026 offiziell eröffnet. Die Veranstalter haben gleichzeitig auch schon die erste Bandwelle für das Reload´27 vom 12. bis 14. August 2027, rausgehauen und lassen keine Zweifel aufkommen, wohin die Reise geht. Mit Hochkarätern wie Kreator, Electric Callboy, Behemoth, Heaven Shall Burn und Motionless In White steht das Fundament für die nächste Runde in Sulingen bereits felsenfest im Kalender.
(Quelle:https://reload-festival.de)
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Bilder: Jerome Jakob
Text: Maren Jakob
Veröffentlicht: 16.08.2026



