Hurricane Festival 2026: Der große Jubiläums-Bericht


Der Startschuss für das Hurricane-Wochenende verlangte den anreisenden Musikfans zunächst einiges an Geduld ab. Wer am Donnerstag mit dem Auto Kurs auf Scheeßel nahm, steckte schnell fest. Die Zuwege rund um den Eichenring waren maßlos überlastet, Stoßstange an Stoßstange hieß es erst einmal Warten.
Auf den Campingplätzen angekommen, wendete sich das Blatt jedoch schnell: Die Platzsuche und der Zeltaufbau funktionierten reibungslos, und die Vorfreude auf das anstehende dreißigjährige Jubiläum des Festivals vertrieb den Anreisestress im Nu.
Da das Hauptgelände noch geschlossen war, spielte sich das musikalische Leben am Abend komplett auf dem Vorplatz ab. Die dortige Wild Coast Stage lockte die Massen zur traditionellen Warm-up-Party. Wie groß der Hunger auf Live-Musik war, zeigte sich spätestens zu fortgeschrittener Stunde: Als die Band Juli die Bühne betrat, war das Areal dermaßen gnadenlos überfüllt, dass für die späteren Besucher kein Herankommen mehr war. Vom Rand des Vorplatzes aus und aus der Ferne ließen sich die nostalgischen Hymnen der Band dennoch bestens mitsingen. Ein stimmungsvoller, wenn auch kuscheliger Vorgeschmack auf die kommenden drei Tage.

Der Freitag begann für viele Festivalbesucher mit einem unsanften Weckruf. Pünktlich um fünf Uhr morgens fegte ein heftiges Unwetter mit sintflutartigem Regenguss über die Campingplätze. Für reichlich Diskussionsstoff und Frust sorgte dabei die offizielle Hurricane-App: Eine rechtzeitige Unwetterwarnung blieb aus, sodass viele Camper im wahrsten Sinne des Wortes kalt erwischt wurden.
Wer den morgendlichen Schock verdaut hatte, rieb sich wenig später die Augen: Kaum war der Regen weg, schoss das Thermometer unbarmherzig nach oben und bescherte dem Festival zur Mittagszeit eine brutale Tropenhitze von weit über dreißig Grad.
Bevor es vor die Bühnen ging, folgte der nächste Dämpfer in Form eines handfesten Gastro-Preisschocks auf dem Vorplatz. Mit fünf Euro neunzig für eine Cola – zuzüglich zwei Euro Becherpfand – und drei Euro fünfzig für einen kleinen Filterkaffee wurde das Festival-Budget arg strapaziert. Ein warmer Snack unter zehn Euro war quasi nicht zu finden, was eine einfache Portion Pommes für happige sechs Euro neunzig bis acht Euro neunzig schmerzhaft unter Beweis stellte.
Um vierzehn Uhr dreißig atmeten die im Schatten ausharrenden Massen auf: Die Festival-Crew baute pünktlich und gesittet die Bauzäune ab, und die Menge stürmte erleichtert das Infield. Angesichts der sengenden Sonne fielen dort zwei riesige, schützenfestartige Festzelte sowie massenhaft Sonnenschirme extrem positiv auf, die rein als Hitzeschutz dienten.
Ein herber optischer und moralischer Dämpfer war dagegen die massive Präsenz einer "Merkur"-Spielothek im Infield, ein extrem fragwürdiges Sponsoring, das in Sachen Beigeschmack selbst den riesigen Zigaretten-Truck aus dem Vorjahr locker in den Schatten stellte.
Musikalisch war der Nachmittag ein einziger Triumphzug. Während Sondaschule mit treibendem Ska-Punk und Royel Otis mit lässigem Indie-Pop die schwitzende Menge in Bewegung hielten, brannten die Donots als inoffizielle Hausband den „Abriss des Nachmittags“ inklusive massiver Circle Pits und gigantischer Staubwolken in den Boden. Den perfekten, tanzbaren Kontrast lieferte danach Bosse, dessen emotionale Hymnen perfekt mit der untergehenden Sonne verschmolzen.
Der Abend hielt schließlich die großen internationalen Hochkaräter bereit. The Offspring strapazierten die Nerven der Fans zunächst mit künstlicher Zeitstreckung durch ermüdende Gitarren- und Drum-Soli – eine irritierende Taktik bei dreißig Jahren Bandgeschichte. Zum Finale hin versöhnten die Punk-Urgesteine das Publikum jedoch komplett, als sie verlässlich all ihre Klassiker auspackten und den Eichenring zum Kochen brachten.
Für ein absolutes Highlight sorgte danach Yungblud: Seine theatralische, unbändige und energiegeladene Showdarstellung erinnerte in jeder Sekunde an den jungen Freddie Mercury. Ein absolut treffender Vergleich, den einst schon Queen-Legende Brian May zog und den die britische Rampensau hier bravourös untermauerte.


Zum großen Finale des Tages hieß es schließlich: kollektiver Abriss oder Punk-Kult.
Auf der Forest Stage lieferten Kraftklub genau das ab, was man von den Chemnitzern in Bestform erwartet. In ihren ikonischen roten College-Jacken peitschten sie die riesige Masse von der ersten Sekunde an nach vorne. Es folgte das klassische Kraftklub-Erfolgsrezept: gigantische Moshpits, Crowdsurfing-Einlagen, textsichere Chöre bei „Songs für Liam“ und die gewohnt klaren, lautstark gefeierten Ansagen gegen Rechts. Ein absolut solider, mitreißender Headliner-Auftritt, der den Mainstream-Eichenring komplett im Griff hatte.
Wer es lieber etwas rauer wollte, zog parallel weiter zur Mountain Stage – und wurde dort königlich belohnt. Die US-Skatepunk-Legenden von Pennywise lieferten das persönliche Highlight des Tages. Zwar strapazierten sie die Spielzeit mit typisch amerikanischem, extrem ausschweifendem Gerede zwischen den Songs, setzten dabei aber mit lautstarken „Fuck Donald Trump“-Sprechchören ein unmissverständliches politisches Statement.
Musikalisch brannten die Kalifornier ein absolutes Feuerwerk ab. Spätestens als ihre Top-Hits und das obligatorische „Bro Hymn“ als gigantischer Chor durch die Nacht schallten, war der perfekte Abschluss für einen intensiven, kontrastreichen Festival-Freitag besiegelelt.

Schon ab fünfzehn Uhr platzte am Samstag das Infield aus allen Nähten – an vielen Stellen gab es kaum noch ein Durchkommen. Das Jubiläums-Wochenende zog die Massen extrem an, und viele feierten im Deutschland-Trikot passend zum WM-Auftaktwochenende.
Ritter Lean und All Time Low haben den Nachmittag perfekt eröffnet und die Stimmung bei den heißen Temperaturen direkt auf Betriebstemperatur gebracht. Danach folgten PA69 – der absolute Wahnsinn am Spätnachmittag. Der Andrang war gigantisch, gefühlt das halbe Festival ist zu ihnen geströmt. Ein absolut irrer Auftritt!
Am Abend lieferten Papa Roach auf der Forest Stage perfekt ab. Der Platz war rammelvoll und die Menge hat von Anfang bis Ende durchgezogen. Das absolute Highlight war ihre „Nu Metal Time Machine“, bei der sie Klassiker von Korn, den Deftones, Limp Bizkit bis System of a Down angestimmt haben. Als fließender Übergang folgte „Last Resort“ als letzter Song – die gesamte Menge hat kollektiv mitgesungen und gefeiert.
Nach dem anschließenden, fetten Feuerwerk von Florence and The Machine legte sich ein extrem starker, dichter Nebel über das gesamte Gelände, was für eine ganz besondere Festival-Atmosphäre gesorgt hat.
In der Late-Night gab es auf der Mountain Stage ein absolutes Hammer-Konzert von SSIO. Der Bass hat gedrückt und die gesamte Menge im Zelt hat den Bonner Rap-König von vorne bis hinten heftig abgefeiert.
Den Schlusspunkt setzte Finch als finaler Endgegner auf der River Stage. Wie zu erwarten ein übelster Abriss, bei dem das Infield zu spätester Stunde noch mal komplett eskaliert ist.


Nach der langen Finch-Eskalation ging es am Sonntagmittag direkt wieder Schlag auf Schlag auf dem Infield zur Sache – und zwar mit zwei absolut epischen, aber völlig unterschiedlichen Shows.
Skindred machten um dreizehn Uhr auf der Forest Stage die absolute Definition von „Hallo wach!“. Benji Webbe und seine Truppe haben direkt zur Mittagszeit eine Mega-Show abgeliefert und den Kater des Vortrags einfach aus den Knochen geschüttelt. Die energiegeladene Metal-Ragga-Mischung hat das Infield sofort wieder auf Betriebstemperatur gebracht – der perfekte, staubige Start in den Finaltag.
Direkt im Anschluss um dreizehn Uhr dreißig gab es den perfekten Wechsel rüber zur River Stage. Die Show von Davina Michelle wurde von Anfang bis Ende komplett mitgenommen – und das hat sich absolut gelohnt. Mit ihrer unfassbaren Stimmgewalt und einer extrem energiegeladenen Pop-Rock-Show hat sie eine richtig epische Atmosphäre auf den Platz gezaubert. Eine absolute Naturgewalt auf der Bühne, die den frühen Nachmittag perfekt abgerundet hat.
Sonntag: Das große Finale & Stimmgewalt am Mittag (Fortsetzung)
Der Nachmittag: Zwischen Party-Rap, Indie und Nostalgie
Nachdem Skindred und Davina Michelle das Infield am Mittag wachgerüttelt hatten, füllte sich der Platz am Nachmittag zusehends.
    • Zebrahead & The Butcher Sisters: Auf den kleineren Bühnen gab es die volle Ladung Crossover- und Party-Metal, bei der die verbliebenen Kraftreserven in riesigen Circle Pits mobilisiert wurden.
    • Kaffkiez & Provinz: Die Indie-Pop-Fraktion übernahm am späten Nachmittag. Besonders Provinz zog eine gigantische, textsichere Menge vor die Bühne. Die melancholisch-treibenden Hymnen sorgten im warmen Nachmittagslicht für absolute Gänsehaut-Momente.
Der Abend: Die großen Headliner und das elektronische Finale
    • A Day To Remember: Die Post-Hardcore-Schwergewichte brachten mit einer brachialen Mischung aus harten Breakdowns und Pop-Punk-Melodien das Infield zum Springen.
    • Empire of the Sun: Die australischen Elektro-Popper verwandelten den Eichenring am Abend in ein farbenfrohes, visuelles Spektakel aus surrealen Kostümen, Tänzern und ihren weltbekannten Synthie-Hymnen wie „Walking On A Dream“.
    • Billy Talent: Als finaler Rock-Headliner des Wochenendes auf der Forest Stage bewiesen die Kanadier absolute Headliner-Qualitäten. Von der ersten Sekunde an spielten sie ein Hit-Feuerwerk, das dreißig Jahre Bandgeschichte perfekt zusammenfasste.
    • Halsey: Die US-Sängerin setzte auf der River Stage ein spätes, visuell atemberaubendes und emotionales Ausrufezeichen und zeigte, warum sie zu den größten Pop-Ikonen der Gegenwart gehört.

Das Social-Media-Urteil: Wer wurde am meisten gefeiert?
Wenn man die Timelines und Trends auf TikTok und Instagram durchforstet, stechen am Sonntag vor allem drei Acts heraus, die für das meiste digitale Grundrauschen gesorgt haben:

1. Der virale König: Empire of the Sun
Die Australier haben das Internet im Sturm erobert. Ihre extrem exzentrische, farbenfrohe und theatralische Bühnenshow war der perfekte Content für Instagram-Storys und TikTok-Clips. Tausende Videos von der bunten Performance im Kontrast zur einsetzenden Dämmerung machten am Abend die Runde. Die Kommentarspalten waren voll von Usern, die den Auftritt als „völlig losgelöstes, magisches Erlebnis“ feierten.

2. Der emotionale Abriss: Provinz
Obwohl sie "nur" am späten Nachmittag spielten, ging der Auftritt der Ravensburger Band emotional komplett durch die Decke. Clips von einer sichtlich gerührten Band vor einer riesigen, aus vollem Hals mitsingenden Menge sammelten extrem schnell Likes. In den sozialen Netzwerken wurde vor allem die intime, aber dennoch gewaltige Atmosphäre hervorgehoben – für viele der heimliche „Gänsehaut-Headliner“ des Sonntags.

3. Die Live-Bank: Billy Talent
Bei den Rock- und Punk-Puristen auf X (ehemals Twitter) gab es nur ein Thema: die unbändige Live-Energie von Billy Talent. Nach dem anstrengenden Wochenende lieferten die Kanadier einen handwerklich perfekten, druckvollen Auftritt ab, bei dem das Infield kollektiv mitsang. Auf Social Media wurden sie als der „würdigste Abschluss, den das dreißigjährige Jubiläum hätte haben können“ gefeiert.


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Bilder: Jerome Jakob
Text: Jerome Jakob
Veröffentlicht: 23.06.2026